{"id":248,"date":"2022-01-14T19:19:48","date_gmt":"2022-01-14T18:19:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.richardisenheim.de\/?page_id=248"},"modified":"2022-01-19T23:19:26","modified_gmt":"2022-01-19T22:19:26","slug":"leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.richardisenheim.de\/?page_id=248","title":{"rendered":"Leseprobe"},"content":{"rendered":"<p>Levi h\u00e4tte es besser wissen m\u00fcssen, als ihm seine Eitelkeit zum Verh\u00e4ngnis wurde. Nun musste es schnell gehen. Wenn der Nachtw\u00e4chter die Magistrale erreichte, bevor er ihm den Garaus machte, war die Fete zu Ende, bevor sie begann. Ein Fehler war nicht umkehrbar, doch diesen konnte er noch geradebiegen. Er ergriff den Jungen, bevor er den Schein der Laterne erreichte. Eine Hand, um ihm den Mund zu stopfen, die andere, um den Dolch zu f\u00fchren. Ein kurzer Schnitt, ein Zucken und es war pass\u00e9.<\/p>\n<p>Er sah in beide Richtungen, um sicherzugehen, bevor er die Klinge an seinem Opfer abwischte und unter seinem Mantel verschwinden lie\u00df. Sch\u00f6ne Klingen hatten es ihm schon immer angetan. Doch ein Messer blieb ein Messer, ob mit Ornamenten verziert oder als blanker Stahl; sein Fauxpas erinnerte ihn daran, dass sich Messer nicht als Kleinod eigneten. Er h\u00e4tte es nicht offen tragen d\u00fcrfen.\u2013<\/p>\n<p>Ramsey erreichte den Ort des Geschehens. Der Kumpan atmete schwerf\u00e4llig, als er die H\u00e4nde auf die Knie st\u00fctzte. \u00bbDas war knapp! Beinahe w\u00e4re er uns entwischt.\u00ab<\/p>\n<p>Levi wollte seinem Gef\u00e4hrten keine Beachtung schenken. Er war lahm geworden, alt und schwach. Eine Schande, dass es kaum noch echte M\u00e4nner unter den Banditen gab. Rief man einen \u00dcberfall aus, hoben sie flugs die H\u00e4nde, aber wenn es darum ging, zur Tat zu schreiten, zogen sie gleich den Schwanz ein, wie feige Hunde. Was war nur aus dem Ramsey geworden, den er einst kennengelernt hatte? \u00bbEuch vielleicht, alter Mann!\u00ab<\/p>\n<p>Der Dieb richtete sich zu voller Gr\u00f6\u00dfe auf. \u00bbIch habe schon ganze St\u00e4dte \u00fcberfallen, da habt Ihr noch in Windeln gelegen, Vierfinger!\u00ab<\/p>\n<p>Er hielt inne, als er diesen Ausruf h\u00f6rte. Levi war sein Name, doch Vierfinger eilte ihm stets voraus. Ein Ruf, den er nicht erkauft und doch geschaffen hatte. \u203aGehe im Klang deines Namens!\u2039 sagte der Aphorismus am Ring seines Fingers.\u2013<\/p>\n<p>Inzwischen hatte sich Ramsey wieder gesammelt. Er stand wie Levi mit den H\u00e4nden in den H\u00fcften vor dem Toten. \u00bbIhr h\u00e4ttet ihn zumindest nicht t\u00f6ten m\u00fcssen \u2026\u00ab<\/p>\n<p>Doch er zuckte gleichg\u00fcltig mit den Schultern. \u00bbEr war zur falschen Zeit am falschen Ort.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWie dem auch sei, wir m\u00fcssen ihn aus dem Weg r\u00e4umen!\u00ab Ramseys H\u00e4nde zitterten.<\/p>\n<p>Levi nickte. Sie griffen den Toten \u2013 einer an den Armen, der andere an den Beinen. Dann trugen sie ihn in die Seitengasse, aus der sie gekommen waren. Der Torso streifte das Pflaster wie das Kratzen einer Bestie.<br \/>\nIn der Dunkelheit f\u00fchrte eine Treppe hinab zu einem verriegelten Schott. Es war stockfinster und der Geruch von F\u00e4ulnis und F\u00e4kalien lag in der Luft \u2013 ein guter Ort, um eine Leiche zu entsorgen. Sollten sich die Ratten um ihn k\u00fcmmern!<\/p>\n<p>\u00bbHier!\u00ab, sagte Levi. Sie lie\u00dfen ab. Levi stemmte die F\u00e4uste in die H\u00fcften und atmete durch. Sein Blick streifte die Fassaden, wanderte hoch zu den Ziegeln. Eine gemauerte \u00dcberdachung ragte \u00fcber die Treppe. In der N\u00e4he tropfte eine Regenrinne. Schmieriges Moos \u00fcberwucherte das Gem\u00e4uer. Die angrenzenden Geb\u00e4ude schienen Ruinen zu sein; keine Spur von Bewohnern.<\/p>\n<p>\u00bbEr war kaum mehr als ein Knabe!\u00ab, klagte der Alte von Neuem.<\/p>\n<p>Levi wandte sich um. Obgleich er in der Dunkelheit nicht viel erkennen konnte, war es ihm ein R\u00e4tsel, wie jemand eine Leiche l\u00e4nger als n\u00f6tig ansehen konnte. \u00bbTalib war auch nicht viel \u00e4lter gewesen \u2026\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUnd doch erhielt Lorka seinen gerechten Lohn \u2026\u00ab, erwiderte der Alte.<\/p>\n<p>Levi lachte. \u00bbErz\u00e4hlt mir nichts von Gerechtigkeit! Es gibt nur Gold und jene, die so einf\u00e4ltig sind, um daf\u00fcr zu arbeiten. Nicht mehr lange und ich werde zum meistgesuchten Mann der Stadt!\u00ab Er sagte es mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen. War es der Triumph, dessen Duft er bereits vernahm? Levi sah den Sieg zum Greifen nahe!<\/p>\n<p>Darauf hob sein Begleiter spitz die Finger. \u00bbH\u00f6rt, h\u00f6rt! Wie sprach noch gleich der Prophet, was auf Hochmut folgen mag?\u00ab<\/p>\n<p>Er hob den Blick, sah streng in die Augen seines Gegen\u00fcbers. \u00bbEure Propheten haben bald ohnedies ausgedient\u00ab, seufzte Levi, \u00bbwenn sich die St\u00e4nde weiter so zerfleischen wie bisher.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas\u00ab, sagte der Alte, \u00bbwerde ich vielleicht nicht mehr erleben. Doch dort, woher ich komme, z\u00e4hlte seit jeher ein Kodex.\u00ab<\/p>\n<p>Levi sah weiterhin in Ramseys tiefschwarze Augen. Da schwenkte er die Hand in einer poetischen Geste. \u00bbUnd Taelim f\u00fchrte die Shuraner im heiligen Bunde nach Equinoctika, um ihren Schwur zu erf\u00fcllen und Equionox der Erste lie\u00df sie erdolchen allesamt im Hinterhalte.\u00ab Darauf hielt er einen Moment inne. \u00bbKapitel f\u00fcnf, Vers dreizehn. \u2013 Doch nun sind genug der Worte gewechselt. Benachrichtigt die anderen \u2013 Ihr wisst, was zu tun ist!\u00ab<\/p>\n<p>Levi wandte sich ab.<\/p>\n<p>Zumindest tat Ramsey, was man ihm auftrug. Dabei war er der Einzige, der ihm die Herrschaft \u00fcber die Banditen streitig machen konnte. Doch solange er ihn in der Hand hatte, drohte Levi keine Gefahr.\u2013<\/p>\n<p>Ramsey z\u00f6gerte auf halbem Weg. \u00bbKommt Ihr nicht nach?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch habe noch was zu erledigen\u00ab, sagte Levi. \u00bbGeht ohne mich los!\u00ab Der andere wollte endg\u00fcltig aufbrechen, als sich Levi noch einmal \u00fcber die Schulter wandte und sprach: \u00bbUnd haltet Euch von der Stadtwache fern!\u00ab<\/p>\n<p>Der Alte nickte. \u00bbVit reves salver!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSalve dem luce!\u00ab, nuschelte er zur Antwort.<\/p>\n<p>Sein Gef\u00e4hrte entschwand wie ein Schatten in der Dunkelheit. Levi blieb zur\u00fcck. Es waren gefl\u00fcgelte Worte. Wie alles in dieser Stadt war es nur Schall und Rauch. Leben hie\u00df Dienen. \u2013 Diene der rechten Sache!<br \/>\nGrotesk! Er diente nur einem Menschen in seinem Leben, und das war er selbst! Dort, wo Intrigen regierten, war Wissen kostbarer als Gold. Es lag eine Kunst darin, Worte zu konservieren, sie vor der Majorit\u00e4t zu verbergen, vor allen anderen zu erfahren und daf\u00fcr zu t\u00f6ten, wenn es sein musste. Er erinnerte sich noch genau an die Zeit, in der er als Stra\u00dfenjunge von einer Hand im Mund gelebt hatte. Damals, als es um das nackte \u00dcberleben gegangen war.<\/p>\n<p>Er war als Shuraner geboren; einer von vielen, die einem unterdr\u00fcckten Volk angeh\u00f6rten. Diese Stadt, Equinoctika, die Hauptstadt des Reiches Anthroplicote, hatte nicht immer den Equiranern geh\u00f6rt. Fr\u00fcher, vor langer, langer Zeit, teilten sich die Ureinwohner dieses Land. Delambarten und Shuraner.<\/p>\n<p>Erstere vertrieben sie ins Landesinnere, Zweitere machten sich die Equiraner zunutze. Ihrer Rechte entbehrt, behandelte man sie wie Unkraut zwischen den Pflastern. Wer nicht diente und sein Leben in den Frondienst eines Eroberers stellte, wurde Bandit oder suchte seine Freiheit au\u00dferhalb der St\u00e4dte. Doch wer sein Leben lang nur diente, war hilflos wie ein Kind, wenn er einmal auf sich allein gestellt war. Eine Flucht endete meist mit dem Hungertod.\u2013<\/p>\n<p>Er hob sein Haupt gen Himmel. Kaum hatte die Nacht ihre Hallen ge\u00f6ffnet, thronten schon die ersten Sterne am Firmament. Es waren die besonders gro\u00dfen und hellen, die wie K\u00f6nige ihre wachsamen Augen auf die Welt warfen. So beschrieb man sie in Geschichten, die man sich am Lagerfeuer erz\u00e4hlte. Hoffnungen. W\u00fcnsche. Unerf\u00fcllte Tr\u00e4ume. Wenn irgendjemand \u00fcber die Menschheit wachte, so mussten all jene, die im Schatten der Gassen und Prellsteine wandelten, unsichtbare Phantome sein.\u2013<\/p>\n<p>Die H\u00e4user ragten weit in den Himmel mit ihren spitzen T\u00fcrmen und Gauben. Equinoctika, du wundervolle Pracht, Verm\u00e4chtnis der Reichen und Satten, falsche Sch\u00f6nheit!<\/p>\n<p>Ein Wind zog auf und l\u00f6ste eine Zeitung aus den F\u00e4ngen einer M\u00fclltonne. Er hatte das Titelblatt unl\u00e4ngst gelesen.<\/p>\n<p>Kaiser Gallianox ist tot!<\/p>\n<p>Diese Stadt war korrupt. Kaiser kamen, Kaiser gingen, doch die Fragen blieben dieselben. Das Wesen der Gesellschaft war von innen heraus marode. Zu lange schon fr\u00f6nten die Equiraner der V\u00f6llerei und Dekadenz. Ein Gebaren, das sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter r\u00e4chen musste. Doch die Bed\u00fcrftigen und Mittellosen traf es stets als Erste.\u2013<\/p>\n<p>Levi blickte zur\u00fcck ins Hier und Jetzt. F\u00fcrwahr! Es war eine Zeit des Umbruchs. Im Guten wie im Schlechten. Die Zeit f\u00fcr Erkenntnis und die Zeit der Verblendung. Die Jahre des \u00dcberma\u00dfes und die Jahre der Armut. Eine Epoche des Lichts und eine Epoche der Finsternis. Dem Himmel entgegen oder hinab ins Verderben. Es war an der Zeit! Equinoctika war reif \u2013 f\u00fcr ihre Erf\u00fcllung!<\/p>\n<h1><a href=\"https:\/\/www.richardisenheim.de\/?page_id=219\">Zum Buch!<\/a><\/h1>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Levi h\u00e4tte es besser wissen m\u00fcssen, als ihm seine Eitelkeit zum Verh\u00e4ngnis wurde. Nun musste es schnell gehen. Wenn der Nachtw\u00e4chter die Magistrale erreichte, bevor er ihm den Garaus machte, war die Fete zu Ende, bevor sie begann. Ein Fehler war nicht umkehrbar, doch diesen konnte er noch geradebiegen. 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