{"id":353,"date":"2023-03-09T11:35:28","date_gmt":"2023-03-09T10:35:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.richardisenheim.de\/?page_id=353"},"modified":"2023-03-09T11:43:53","modified_gmt":"2023-03-09T10:43:53","slug":"die-kinder-edens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.richardisenheim.de\/?page_id=353","title":{"rendered":"Die Kinder Edens"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Schutze der Wolken blickte Lucan der Aassar in die Tiefen des Himmels, als ein Freund zu ihm stie\u00df, den Blick betr\u00fcbt gen Erde gewandt. \u00bbDu bist sp\u00e4t, Aarin\u00ab, sagte Lucan. \u00bbNimmst du jetzt schon die Z\u00fcge deiner Erdenmenschen an? Dass ich nicht lache! Du beobachtest sie jetzt schon seit Jahrtausenden tagein, tagaus. Wozu? Um was letztendlich zu finden?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEin Unfall \u2026\u00ab, raunte der andere, \u00bbhat mich aufgehalten. Es war ein kleines Kind verwickelt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber geschieht das nicht jeden Tag?\u00ab Als Lucan das sagte, lie\u00df er den Blick von den Sternen gleiten und wandte sich an seinen Freund. \u00bbDie Menschen bauen Maschinen, die sie nie zu beherrschen gelernt haben. Sie werden Opfer ihrer eigenen Werke. Seit eh und je \u2026\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEine fahrende Mutter \u2026 hat das rote Licht nicht gesehen \u2026 war in Gedanken verloren. Stell dir vor, Lucan, was geschah, als die Metro kam.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Lucans Blick senkte sich auf die Niederungen. \u00bbBedauerlich.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aarin seufzte, atmete tief ein und ging ein paar Schritte. \u00bbDanke, dass du wenigstens <em>das<\/em> auch so siehst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein!\u00ab Lucan hob den Finger. \u00bbIch meine bedauerlich, dass du dir nicht eingestehst, dass all diese Ungerechtigkeit auf der Stelle enden kann, wenn der Rat f\u00fcr die Vernichtung der Menschen stimmt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Fassungslos von diesen Worten sch\u00fcttelte Aarin den Kopf. \u00bbDu sprichst von Ungerechtigkeit und das Einzige, was dir zur L\u00f6sung einf\u00e4llt, ist einfach alles dem Erdboden gleichzumachen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Lucan teilte dieses Entsetzen nicht. Stattdessen senkte sich ein \u00fcberlegenes Schmunzeln auf seine Lippen. Die Augen blitzten. \u00bbDu verschwendest deine Zeit. Der Rat wird \u00fcber das Schicksal der Menschheit entscheiden. Und du wirst sehen, dass diese Entscheidung gut war.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aarin faltete die H\u00e4nde. \u00bbIch brauche nur noch etwas mehr Zeit, Lucan! Sag dem Rat, dass ich wie vereinbart die Beweise liefern werde!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lippen gekr\u00e4uselt wackelte Lucan ungeduldig auf der Stelle. \u00bbKomm schon, Aarin!\u00ab Er zeigte mit offenen Handfl\u00e4chen nach unten. \u00bbSieh hinab und verstehe! Sie lernen nicht dazu!<\/p>\n\n\n\n<p>Aus ihrer Geschichte sollten sie begreifen, dass ihr Wirken zum Scheitern verurteilt ist. Aber nein! Sie leben nicht nebeneinander, sondern \u00fcbereinander. Sie wollen ans Ziel, aber im Wettstreit, anstatt im Miteinander. Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr etwas, aber nicht das, wonach es scheint. Sie wollen nicht eingestehen, dass sie ein und dieselben Fehler immer und immer wieder begehen; denn die Formen \u00e4ndern sich ja, doch unter einer anderen Flagge wird das begangen, was es zu verhindern gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schw\u00e4rmen von Freiheit im Tun, aber sind gefesselt in ihren Trieben. Wohl k\u00f6nnen sie tun, was sie wollen, aber nicht wollen, was sie wollen. Sie konstatieren so ihren freien Willen und sind beschmutzt in ihrem Begehren. So sehr, dass sie ihren eigenen Leibern hoffnungslos ausgeliefert sind. Launisch verlangen sie nach dem einen und dann wieder nach dem anderen. Sie tun dies in ihrem allt\u00e4glichen Leben wie auch in ihren animalischen Akten der Fleischeslust.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben sie einmal ein Ziel, so ist es meist von niederer Qualit\u00e4t. Zumeist f\u00fcr das eigene Ego, den gesellschaftlichen Stand, dem Besitz beziehungsweise ihrer Kaufkraft. Manchmal auch f\u00fcr ihre Familien. Und in diesem Anflug von Aufopferung weitet sich die Selbstsucht vom Individuum doch lediglich auf eine kleinere Gruppe aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie k\u00f6nnten das Paradiees auf Erden haben, doch schufen sich ihre H\u00f6lle selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nigreiche entstehen, gedeihen und wachsen auf Grundlage von Tyrannei. Dann bricht die V\u00f6llerei und die Wolllust aus und sp\u00e4tr\u00f6mische Dekadenz schafft Platz f\u00fcr Faulheit und Pflichtverletzung. Sie werden so fett und eingebildet, dass sie den Zerfall von innen heraus nicht mehr kommen sehen\u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber waren wir das nicht auch?\u00ab, unterbrach ihn Aarin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEingebildet und \u00fcberheblich?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Lucan rollte mit den Augen und sch\u00fcttelte dann den Kopf. \u00bbDiesen Teil unserer Geschichte haben wir hinter uns gelassen. Vor Milliarden von Jahren. Heute blicken wir mit Abscheu darauf zur\u00fcck und freuen uns bessere Aassaren geworden zu sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist dein Fehler, Lucan! Du siehst immer nur hinab. Besuche mich in den Niederungen und lerne zu sehen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPah! Dass ich diesem Otterngez\u00fccht aus gottlosen Trabanten wehrlos ausgeliefert bin? Du glaubst wohl, ich spinne, mich von diesen Gedankenstr\u00f6men infizieren zu lassen. Mein Geist ist noch klar und frei, nicht so benebelt wie der deine. Hier oben schnuppert man wenigstens noch frische Luft!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aarin hatte die Arme verschr\u00e4nkt, trotzte. \u00bbUnd doch ist derjenige blind, der nur h\u00f6rt und nicht erlebt \u2026\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Lucans Finger schnellte empor. \u00bb<em>Du<\/em> wirst noch dein eigenes Scheitern erleben! Sehr bald schon wirst du deinen idiotischen Plan, die Menschheit zu retten, in Scherben daliegen sehen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch immer hielt Aarin die Arme fest verschr\u00e4nkt. \u00bbNun. Dann sei es so!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbTor!\u00ab Der Frust war Lucan f\u00f6rmlich anzusehen. Nach all der Zeit, wollte er ihn noch immer von der Sinnlosigkeit seiner Mission \u00fcberzeugen? Was ging <em>ihn<\/em> es an, womit er seinem Leben Sinn verlieh?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWaren dir denn die beiden Weltkriege nicht genug? Die Atombomben zu Hiroshima und Nagasaki? Erinnere dich, Aarin, denke an all das Leid und die Toten! Besinne dich an Stalin und die Gulacs, Adolf Hitler, Mao Zedong und die Warlords in Afrika! An die Kriege im Nahen Osten! Du sprichst die \u00e4lteste Sprache der Menschheit, hast den Bau der chinesischen Mauer und die Schlacht um Azincourt gesehen. Du kennst die wahre Bedeutung um den heiligen Zweck der gro\u00dfen Pyramide, kannst sogar die Sternenuhr der Sphinx lesen. Du hast den Aufstieg und den Fall des r\u00f6mischen Reichs gesehen, du bist Zeitzeuge von der Geschichte um Romulus und Remus. Erinnerst du dich noch an den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg und Napoleons Niederlage in Waterloo? Die Rosenkriege und die Schlachten um Bannockburn und Austerlitz, der Aufstieg Ludwigs dem Gro\u00dfen und seinem Untergang durch die Franz\u00f6sische Revolution? Nicht zu sprechen von den Gr\u00e4ueltaten der Spanischen Inquisition und dem Vatikan! Seit dem Turm von Babylon \u2013 hat sich wirklich etwas zum Guten hin ver\u00e4ndert? Im Gegenteil, es ist nur noch schlimmer geworden! Heute ist vielerorts der Schafott verbannt worden und doch w\u00fcrden sie es wieder tun, wenn es die ortsans\u00e4ssigen Verordnungen so vors\u00e4hen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aarin, war in Erinnerungen versunken, stand noch immer so da wie vorher. \u00bbJa. Ja und ich erinnere mich auch an die Sonnenverehrung der Inkas, den Drachenreitern auf Atlantis und an die Werke Beethovens und Goethes, Jesus Christus, Buddha und die Samariter, die Werke Leonardos und den Fall der Berliner Mauer. An friedliche Proteste gegen die Obrigkeiten. Ich erinnere mich auch an die kanadische Pr\u00e4rie, die Korallenriffe in Australien, an eine Zeit, in der die W\u00fcste um Gizeh noch gr\u00fcnes Ackerland trug.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage dich Lucan, erinnerst <em>du<\/em> dich noch an Sturz durch Raum und Zeit? Wenn du dein Haupt gen Osten wandest, als des Morgens ein silberner Schleier \u00fcber den W\u00e4ldern lag? Wenn die Kronen sich des Taus entledigten? B\u00e4ume, deren Wipfel sich auf wundersame Weise bogen, denen niemals eine Axt gedroht hatte? Erinnerst du dich an den Gesang der holden Jungfrauen, wenn sie durch die Blumenwiesen tollten? Gottesf\u00fcrchtige Menschenkinder, die niemandem sonst, denn dem Grale dienten? Dann kam der Winter und der Schneehase hoppelte munter \u00fcber\u2019s zugeschneite Feld. Wenn dann die Fl\u00fcsse vereisten und begehbar wurden. Danach das Knacken im Fr\u00fchjahr. Sie tauten im neuen Zyklus und z\u00fcngelten sich in d\u00fcnnen Rinns\u00e4len von dannen. Im Sommer wuchsen die B\u00e4che zu voller pl\u00e4tschernder Pracht an, wo sie an den Steilklippen in Sturzb\u00e4chen endeten, deren Wassermassen selbst die st\u00e4rksten Wurzeln nicht zu trotzen vermochten. M\u00e4chtige Naturspektakel. Das wunderbare Werk der Sch\u00f6pfung. Erinnerst du dich, mein Freund?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Lucan sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbAlles. Vergangenheit! Deine Inkas von den habgierigen Europ\u00e4ern abgeschlachtet, die hochm\u00fctigen Altanter sind den Fluten des Meeres anheimgefallen. Und deine Dichtkunst verhilft der Menschheit auch nicht mehr zur Besinnung.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aarin sang und seine Stimme groll wie psalmenhafter Donner durch die Wolkendecke: \u00bbSchon ins Land der Pyramiden floh\u2019n die St\u00f6rche \u00fcbers Meer, Schwalbenflug ist l\u00e4ngst geschieden, auch die Lerche singt nicht mehr \u2026\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Voller Entsetzten winkte Lucan an. \u00bbIch bin es leid geworden, dieses Gespr\u00e4ch immer und immer wieder mit dir zu f\u00fchren. Wann siehst du\u2019s endlich ein?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbLeid geworden? \u2013 So auch ich, mein Freund, so auch ich.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJetzt hast du noch die Chance umzukehren, bevor du dich auf Ewigkeiten blamierst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNoch habe ich nicht verloren\u00ab, sagte Aarin.<\/p>\n\n\n\n<p>Lucan kam n\u00e4her, hob die H\u00e4nde. \u00bbSieh dich an! Du hast noch dein ganzes Leben vor dir! Lass es eine kurze Eskapade sein, ein Regentropfen im endlosen Strom der Zeit. Wegen ein paar tausend Jahren ist noch niemand zum Gesp\u00f6tt der Aassaren geworden. Doch jetzt lass ab von deinem sinnlosen Streben und sieh der Realit\u00e4t ins Auge!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu wei\u00dft genau wie ich, Lucan, dass die Zeit bedeutungslos ist. Allein die Entscheidungen sind, was z\u00e4hlen, was uns letztlich ausmachen \u2026\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da zeichnete sich eine Zustimmung auf Lucans Lippen ab und der Drang etwas zu erg\u00e4nzen, bevor Aarin fortfahren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMeine Entscheidung steht fest. Ich werde weiter beobachten und dem Rat Bericht erstatten, dass es Gutes in den Menschen gibt, bevor seine hohe Entscheidung f\u00e4llt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zustimmung wich einem entt\u00e4uschten Blick. Lucan hob niederschmetternd das Kinn. \u00bbIst das dein letztes Wort, Aarin?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser stand stramm. \u00bbJawohl!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>In einem tiefen Atemzug lie\u00df Lucan die Worte \u00fcber seine Lippen kommen. \u00bbSo sei es!\u00ab Darauf wandte er sich ab. \u00bbDann gehab dich wohl, Aarin \u2026, mein alter Freund\u00ab, sprach Lucan und er entschwand in die tiefen des Himmels.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Aarin blieb zur\u00fcck. Er lie\u00df den Blick \u00fcber die Meere gleiten. Das Wolkenbett verfl\u00fcchtigte sich und der n\u00e4chtliche Himmel wich einer d\u00fcnnen Sichel f\u00fcrstlichen Morgenrots. W\u00e4hrend die n\u00e4chtliche Stille einem brausenden Gelbton erlag, erloschen auch die hellen P\u00fcnktchen auf den Kontinenten. Sie vergl\u00fchten wie Sternschnuppen am Firmament.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort, dachte Aarin. Dorthin, bin ich noch nicht gereist. Und er sp\u00fcrte, wie sein in die Tiefe gestellter K\u00f6rper erwachend an seinem Geiste zog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Richard Isenheim (Februar \/ M\u00e4rz 2023)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schutze der Wolken blickte Lucan der Aassar in die Tiefen des Himmels, als ein Freund zu ihm stie\u00df, den Blick betr\u00fcbt gen Erde gewandt. \u00bbDu bist sp\u00e4t, Aarin\u00ab, sagte Lucan. \u00bbNimmst du jetzt schon die Z\u00fcge deiner Erdenmenschen an? Dass ich nicht lache! Du beobachtest sie jetzt schon seit Jahrtausenden tagein, tagaus. Wozu? 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